Genogrammarbeit und Genogrammanalyse

Was haben systemisch arbeitende Wissenschaftler herausgefunden?

Die Systemtheorie nach Murray Bowen ist (US-amerikanischer Psychiater und Psychotherapeut) beschreibt das Fühlen, Denken, Reden und Handeln eines Meschen als Mitglied seines Systems. Bowens geht davon aus, dass die Familie unbewusst eine emotionale Einheit bildet, die in einer tiefen wechselseitigen Abhängigkeit steht.

Bowen hat festgestellt, dass Verhaltens-, Beziehungs- und Kommunikationsmuster und sogar Schicksalsschläge früherer Generationen einen (unbewusst wirkenden) Modellcharakter für das Familiengeschehen in der nächsten Generation besitzen können.

Das systematische Erfassen der familären Muster erfolgt mit dem Genogramm. Auch das ist aus der systemischen Familientheorie Bowens entstanden, welches sich ebensogut im Coaching einsetzen lässt.

Wie wird ein Genogramm erstellt?

Ein Genogramm ist eine strukturierte Darstellung des Familienstammbaumes über mindestens drei, besser noch fünf Generationen hinweg. Das Genogramm hilft uns das sogenannte „Big Picture“ über die „emotionale Einheit Familie “ mit den dort vorherrschenden Mustern zu bekommen, die von Generation zu Generation thematisch wiederholt werden.

Abbildung 1-1 : Genogrammarbeit; das Genogramm der Familie über 3 Generationen

Schritt 1: Die Grundsymbole eintragen

Das Erstellen Deines Genogramms erfolgt unter Verwendung einer festgelegten Symbolsprache. Anhand dieser Darstellungsform ist es möglich komplexe Familienstrukturen transparent zu machen. Wie detailliert das Genogramm in die Tiefe geht, hängt ach vom Thema ab. Es gibt zahlreiche Arten der Genogramm-Sprache und deren Symbole. Wir verwenden die von Monika McGoldrick.

Abbildung 1-2: Genogrammarbeit; Symbolsprache nach Monika Mc Goldrick, leicht verändert (aus ihrem Buch: Genogramme in der Familienberatung)

Die Informationen dieser Ebene bilden das Grundgerüst der Familie. Pflege- oder Adoptivkinder werden mit einer gestrichelten Linie gekennzeichnet und mit einem „A“ oder „P“ versehen. Dabei ist zu notieren, ob das Kind zur Adoption / Pflege frei gegeben wurde, oder ob es in der Familie aufgenommen wurde.

Das Grundgerüst der Familienstruktur ergänzen wir um die Daten und Fakten , die für die Blockadelandschaft des Klienten wichtig erscheinen. Je nach Fragestellung sind unterschiedliche Informationen von Bedeutung. Die nachfolgenden Punkte haben sich in unsrem Alltag aus der Praxis für bedeutend erwiesen:

Wichtige demographische Informationen für jedes Mitglied der Familie könnten sein:

  • Name, aktuelles Alter (ggf. Alter bei Tod)
  • Herkunft (Geburtsort)
  • Woran und wo gestorben? (Unfall / Krankheit / Krieg)
  • verheiratet / geschieden / ledig / kinderlos

Lebensmuster innerhalb der Familie:

  • Schulausbildung / Studium (Höchster Bildungsgrad)
  • Arbeiter / Angestellter / Selbständig / Unternehmer
  • Bedeutung von Karriere, Erfolg, Ansehen und Geld
  • Work-Life-Balance
  • Gelebte Traditionen, Rituale und „ungeschriebenen Gesetze“
  • Welche Grundstimmung herrschte in der Familie?
  • Bedeutung der Religion, Kirche, Spiritualität

Schritt 2: Die partnerschaftliche Ebene

Für diese Informations-Ebene werden alle wichtigen Partnerschaften in das Genogramm eingetragen. Auch dann, wenn sie diese ohne Heirat und Kinder bestanden hat.

Abbildung 1-3 : Symbolsprache für die partnerschaftliche Ebene; Symbolsprache nach Monika Mc Goldrick, leicht verändert (aus ihrem Buch: Genogramme in der Familienberatung)

Das bedeutet für die Praxis, dass emotional bedeutende Liebesbeziehungen und Paare, die unverheiratet zusammen leben oder lebten, in das Genogramm eingetragen und mit einer gestrichelten Linie verbunden werden. Dabei wird das Jahr notiert, indem sich das Paar kennen gelernt hat, bzw. zusammengezogen ist. Verschiedene Ehen bzw. Partnerschaften sollten in chronologischer Reihenfolge von links nach rechts gezeichnet werden. Heiratet ein Mann hintereinander mehrere Frauen, so wird die letzte Frau ganz rechts eingetragen. (die Reihenfolge insgesamt sollte die Timeline wiederspiegeln). Die Männer werden chronologisch links eingetragen.  Ist das Beziehungsmuster das Coaching-Thema, so kann es auch interessant sein „alle Männer“ mal chronologisch einzuzeichnen, um ein Muster zum Thema Beziehung zu identifizieren.

  • Heirat aus Liebe / zweckgebundene Ehe
  • unbewollte Schwangerschaft / uneheliche Kinder
  • Scheidung, Trennung, außereheliche Aktivitäten
  • Welches Rollenverständnis wurde innerhalb der Generationen propagiert / gelebt?

Schritt 3: Die gesundheitliche Ebene

Gibt es in der Herkunftfamilie (3-4 Generationen zurück) Mitglieder mit geistigen, seelischen oder körperlichen Störungen? Diese werden mit folgendem Symbol versehen und genauer spezifiziert.

  • Geistige oder körperliche Behinderungen / Entwicklungsstörungen
  • Depression und Gefühl der Wertlosigkeit / Unzulänglichkeit
  • Angststörungen / Phobien / Zwangsstörungen
  • Leichte oder schwere Traumatisierung (Post Traumatische Belastungsstörung)
  • Autismus, ADHS
  • Schizophrenie
  • Aufenthalt in einer Psychiatrie
  • Selbstmord / Selbstmordversuch
  • Persönlichkeitsstörungen
  • Sexuelle Fehlorientierung
  • Demenz, Alzheimer, Erbkrankheiten 
  • AIDS

Gibt es in der Herkunftsfamilie Menschen mit Suchtproblemen oder Zwängen? Dabei wird unterschieden, ob die Sucht / der Zwang noch aktuell ist, oder ob es ein Thema aus der Vergangenheit ist. Wie wird / wurde damit innerhalb der Familie umgegangen? Diese werden mit folgendem Symbol versehen und näher beschrieben.

  • Drogenabhängigkeit (LSD, Koks, Canabis…)
  • Tablettensucht
  • Alkohol (Konflikttrinker, Spiegeltrinker, Süchtiger Trinker..)
  • Spielsucht / Kaufsucht
  • Bulemie, Magersucht, Adipositas, sonstige Esstörungen
  • Zwangsstörungen (Waschzwang, Ordnungszwang, Messie…)
  • Sonstiges

Gibt es sonstige kritische Ereignisse in ihrer Herkunftsfamilie? Folgende Themen könnten relevant sein:

  • Kriegserlebnisse und Flucht
  • Erfahrungen mit politischer Verfolgung / Diktatur / DDR / Stasi
  • Mord / Unfalltod
  • Auswanderung / wichtige Umzüge
  • Schwierigkeiten mit dem Gesetz / Haftstrafen
  • Homosexualität
  • Insolvenzen
  • Sonstiges

Schritt 4: Emotionale Beziehungsmuster

Innerhalb der Familien gibt es zahlreiche Ausprägungen von Beziehungs, Verhaltens- und Kommunikationsmustern die einen Rückschluss auf das bewusste und unbewusste Glaubenssystem geben.

Abbildung 1-4 : Symbolsprache für die emotionalen Beziehungsmuster; Symbolsprache nach Monika Mc Goldrick, leicht verändert (aus ihrem Buch: Genogramme in der Familienberatung)

Extreme Ausprägungen sind sehr distanzierte, konfliktreiche Verhältnisse bis hin zum totalen Kontaktabbruch oder die emotionale Verschmelzung zwischen einzelnen Mitgliedern des familiären Systems.

  • Wie haben Sie ihre eigene Mutter / Großmütter emotional erlebt?
  • Wie haben Sie ihren eigenen Vater / Großväter emotional erlebt?
  • Wie war / ist das Verhältnis unter den jeweiligen Geschwistern?
  • Für Eltern gilt: Wie ist das Verhältnis zwischen ihnen und ihren Kindern?
  • Mit wem aus ihrer 3-Generationen-Familie haben Sie das innigste Verhältnis?
  • Welche Themen haben zu Kontaktabbruch und schweren Konfliten geführt?
  • Mit wem aus der 3-Generationen-Familie haben Sie die größten Konflikte?
  • Welche Personen nehmen innerhalb der 3-Generationen-Familie „viel Raum“ ein?
  • Wer ist aus ihrer Sicht „das Schwarze Scharf“ der Familie? Wer ist ihr Vorbild?

Schritt 5: Fakten zum aktuellen Konfliktthema sammeln

Das Genogramm ist eine praktische Methode, die Fakten zu dem gewünschten Thema übersichtlich darzustellen. Bei den nachfolgenden Themen handelt sich um eine beispielhafte Liste. Dreht sich in der ersten Sitzung alles um das Thema Beruf, dann schauen setzen wir auch inhaltich diesen Focus. Ein Genogramm entwickelt sich von Sitzung zu Sitzung und der Coach oder Therapeut gibt Hinweise, wo der Klient für die nächste Sitzung näher hinschauen soll. Bei den ersten Sitzungen reichen in der Regel die Daten und Fakten aus, die ohnehin bekannt sind!

Je nach Thema können folgende Fragen relevant sein:

  • Welche Geschlechterrollen haben Mann und Frau in Deiner Familie gelebt?
  • Welcher Bildungsgrad (Schule, Studium) herrschte vor / wurde erwartet?
  • Welche Berufe wurden ausgeübt / waren erstrebenswert?
  • Wer in der Familie hat das Geld verdient und wie waren die Entscheidungsprozesse?
  • Wer sind die Vorbilder der Familie, wer die „Schwarzen Schafe“?
  • Wiederkehrende Ereignisse (Konkurse, Trennung, Unglück …)
  • Welche Werte, Regeln und Normen wurden verherrlicht, welche  abgelehnt?
  • Gab es Krisen und welche Bewältigungsstrategien wurden eingesetzt?
  • Welche Familienregeln mussten eingehalten werden?
  • Nach welchen Kriterien wurde der Partner / die Partnerin ausgewählt ?
  • Werden Bedingungen gestellt, damit man „geliebt“ wird?
  • Welche Rolle spielte Geld und Erfolg?
  • Welche Rolle spielt Glaube, Religion und Spiritualität?
  • Welche Krankheiten / Süchte gab es und wie wurde damit umgegangen?

Die Arbeit mit dem Genogramm wird von vielen wie eine  wunderbare Reise durch die eigene Vergangenheit erlebt.

Eine positive Veränderung (im Verhalten, in der Gesundheit im Erfolg usw.) ist meiner Erfahrung nach nur möglich, wenn das  Unterbewusstsein des Klienten glaubt, dass das gesamte Familiensystems dieser Veränderung zustimmt. Das zu verstehen ist bedeutend. 

Die Transformation – also das Lösen unbewusster Wiederholungszwänge – erfolgt mit der Methode BSDR .