Das Vier-Eblenen-Modell der Persönlichkeit

Wie steuert das Gehirn Verhalten und Entscheidungen?

Neurowissenschaftler können erklären, wie unser Verhalten und Entscheidungen vom Gehirn gesteuert werden. Zum Beispiel Prof. Dr. Gerhard Roth, Biologe und Hirnforscher an der Universität Bremen, von dem wir auch diese Grafik übernommen und mit unseren Erkenntnissen aus der Praxis vervollständigt habe.

Quelle: Gerhard Roth: Fühlen, Denken, Handeln – leicht verändert: Das Vier-Ebenen-Modell der Persönlichkeit; Reihenfolge und Stärke der Pfeile in der obigen Grafik symbolisieren die Organisationsstruktur und damit den Einfluss der unterschiedlichen Ebenen aufeinander, sofern das Ich auf dem Spielfeld des Temperaments zum Einsatz kommt.

Das Gehirn wird in vier funktionale Ebenen unterteilt. Diese vier Ebenen werden in unterschiedlichen Lebensabschnitten der Hirnentwicklung geformt und die dort verorteten Informationen bestimmen als Persönlichkeitsmerkmale unser Verhalten. Sie wirken stark hierarchisch, wobei die drei limbischen Ebenen überwiegend unbewusst arbeiten, der Cortex (kognitive Ebene), hingegen für die bewusste Steuerung zuständig ist.

Der Blick auf die Pfeile in der Grafik verrät: Der Einfluss der vierten Ebene, der Großhirnrinde (Cortex) mit der Möglichkeit des reflektierenden Nachdenkens wird bei der Verhaltenssteuerung allgemein überschätzt, da unser Verstand nur einen geringen Einfluss auf das Unterbewusstsein hat. Wir können eine klare und vernünftige Einsicht haben und uns dennoch unter dem Einfluss des Limbischen Systems gegenteilig verhalten.

Untere limbische Ebene (Ebene 1)

Anatomisch betrachtet bildet die untere limbische Ebene ein neuronales Grundgerüst bestehend aus fest verbundenen Faserbahnen, in das spätere Informationen „hineingeboren“ werden (Vester 2018, S. 39). Diese Ebene, die sich bereits in den ersten Schwangerschaftswochen heraus bildet, beinhaltet Informationen, die als umweltstabile Merkmale bezeichnet werden können. Diese Ebene erfasst neben unseren spontanen Reaktonsmustern auch das Temperament, welches als die Grundzüge der Persönlichkeit verstanden werden können.

Mittlere limbische Ebene (Ebene 2)

Diese Ebene wird auch als Konditionierungsebene bezeichnet, die unsere unbewusst wirkende Wir-Identität formt. Wie kommt diese Information in unser Gehirn?

Alles, was der Körper erlebt, auch als Beobachter Dritter, wird ausschließlich nach den daraus folgenden positiven oder negativen Konsequenzen bewertet und mit entsprechenden Emotionen fest verbunden. Dabei werden negativ erlebte Konsequenzen von der Amygdala mit Gefühlen wie Angst, Hilflosigkeit, Verwirrung oder Schock verknüpft. Interaktionspartner der Amygdala ist das mesolimbische System, auch „Belohnungssystem“ oder „Motivationssystem“ genannt. Es ist für unser Lustgefühl zuständig. Hier sind die angenehmen Erlebnisse gespeichert, die mit Emotionen wie Spaß, Freude und Gefühlen verbunden sind, die wir bei Anerkennung, Lob und Lust spüren.

Auf dieser Ebene sind neben unsern Lebens-, Rollen- und Beziehungsmuster auch unsere traumatischen Erlebnisse gespeichert.

Die hier verorteten Informationen können einen Ich-stärkenden oder Ich-schwächenden Charakter haben. Das „Erlernte“ kann nicht autark existieren, es ist immer in das Temperament eingebettet oder mit diesem „neuronal verknotet“ .

Mit der (operanten) Konditionierung entstehen zahlreiche Cluster von Glaubenssätzen. Die Summe vieler Cluster bildet ein komplexes Glaubenssystem, welches die Werte, Normen und Regeln der Familie spiegelt und unser Verhalten über die konditionierten Emotionen steuert. Häufig kommen diese erst zum Vorschein, wenn wir ein bestimmtes Alter oder einen bestimmten Lebensabschnitt erreicht haben. Bis dahin „schlafen“ die Strukturen. Die Genogrammarbeit kann solche systemischen Muster aufdecken.

Obere limbische Ebene (Ebene 3)

In der oberen limbischen Ebene ist das verortet, was von Geistes- und Sozialwissenschaftlern als der eigentliche Mensch bezeichnet wird: Unser individuell-soziales Ich mit seinem Wesenskern.

Neben unserem Ich-Gefühl sind hier auch unsere sozialen Fähigkeiten verortet, die mit Einsicht, Vernunft und Empathie einhergehen. Soziale Fähigkeiten helfen uns, unsere Bedürfnisse und Handlungsantriebe den gesellschaftlichen Bedingungen bewusst so anzupassen, dass die Verwirklichung unserer Pläne bei minimalen sozialen Konflikten möglich ist. Soziale Fähigkeiten helfen uns, unsere Innenwelt mit der Außenwelt zu verbinden.

Großhirnrinde (Ebene 4)

Funktional betrachtet sind in der Großhirnrinde das Reden, Denken, unsere rationale Intelligenz und der Verstand ansässig –  unsere geistigen Fähigkeiten. Diese Ebene ist vollständig un-emotional, kann ohne die limbische Ebene nicht autark existieren.