Ich – als Stellvertreterin der Sippe

Wie ein Brief in Kriegsgefangenschaft die Kommunikationsmuster über Generationen hinweg beeinflussen kann. Ein Beispiel aus dem Family-Belief-Coaching.

Nicole Wolters1Name geändert ist Managerin eines Unternehmens und leitet den Bereich „Market Management and Communication“. Sie bat mich um Unterstützung, um ihre Angst vor Kommunikation in den Griff zu bekommen. Nicole hatte schon viel darüber nachgedacht, aber keine plausible Erklärung für diese Angst gefunden. Freunde und Kollegen bestätigen ihr, bei Vorträgen „eine wirklich gute Rednerin“ zu sein. Doch sie habe Angst davor und wisse nicht warum. „Die Angst abgelehnt zu werden oder als inkompetent zu gelten, geht mir ständig durch den Kopf.“ Zudem spüre sie ähnliche Angst immer öfter im Gespräch mit dem Vorgesetzten oder auch einem Kollegen.

Hirnforscher sind sich einig darüber, dass das limbische System, und dort besonders die Amygdala, alle hereinkommenden Sinnessignale prüft, bevor sie an den denkenden Teil des Gehirns, die Großhirnrinde (lat. Cortex) weitergeleitet beziehungsweise ganz gefiltert werden. Hauptaufgabe der Amygdala ist es, Ereignisse mit Emotionen zu verknüpfen und diese abzuspeichern. Weiter ist sie für die Wiedererkennung von Situationen sowie der Analyse möglicher Gefahren verantwortlich.

Bei drohender Gefahr leitet die Amygdala unmittelbar durch Ausschüttung von Stresshormonen eine körperliche Reaktion ein. Das war schon bei den Steinzeitmenschen so. Die ursprüngliche Funktion aus evolutionärer Sicht ist das Freisetzen der Energiereserven des Körpers zur Vorbereitung auf eine entsprechende Reaktion: Flucht oder Kampf. Der Cortex mit seiner Fähigkeit zum reflektierenden Nachdenken ist da nur hinderlich. Im Notfall wird er also ausgeschaltet. Hat man bereits Gefahr, Schmerz oder Leid erlebt, können Situationen, die von der Amygdala als ähnlich bewertet werden, entsprechende Stressreaktionen, wie Angst, Panik, Übelkeit, Apathie, Ohnmacht, hervorrufen.

Mit dem Körpergedächtnis kommunizieren

Das geschieht unabhängig davon, wie gefährlich die Situation, in der der Reiz ausgelöst wird, wirklich ist. Und es geschieht auch dann, wenn man sich an das ursprüngliche Ereignis gar nicht mehr erinnert. Der Körper „vergisst“ es nicht. Selbst Blockaden und Ängste unserer Vorfahren können unbewusst, und zwar durch das Phänomen der Übertragung, an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. So ist es möglich, dass Blockaden und Ängste einer Klientin auf Ereignisse zurück geführt werden können, die sie  selbst nie erlebt hat.

In Coaching und Therapie arbeite ich mit dem analytischen Muskeltest, um die individuelle „Stresslandschaft“ des Coachees herauszuarbeiten. Dabei formt die Coachee mit Daumen und Finger einen festen Ring, dessen Stabilität der Coach dann mit einem kräftigen Gegenzug testet. Entweder bleib der Muskel im kinesiologischen Sinne stark oder er wird für einen Moment weich und gibt nach. Dann öffnet sich der Ring. Es ist eine Antwort allein des Körpers, und zwar unter Ausschluss des bewussten Teils des Gehirn, der Großhirnrinde, auf bestimmte Fragen.

Im Grunde ist es ein Zugang zum unbewussten Teil unseres Seins. Es eignen sich nur binäre Fragestellungen: ja oder nein, stark oder schwach, gesund oder ungesund. Ich erkläre meiner Klientin diesen Mechanismus, wir entscheiden uns für Ja-Nein-Fragestellungen. Ein starker Muskel bedeutet also „Ja, diese Aussage ist richtig.“ Ein schwacher bedeutet „Nein, die Aussage trifft nicht zu.“ Damit lässt sich vieles prüfen.

O-Ring-Test

Dafür verwende ich einen Abfragebaum, dessen „Zweige“ (Identitäten, Zeit und Thema) uns systematisch zum Ursprung des störenden Verhaltens führen. Ich bitte Nicole, an eine bestimmte Situation zu denken, in der sie die beschriebenen Ängste und Blockaden bei Kommunikation spürte. Sie wählte eine Situation aus, in der Sie ein wichtiges Gespräch mit ihrem Chef hatte. Wir beginnen mit dem Testen. 

Den Blockaden auf der Spur

Zunächst ermitteln wir die Identitäten, in der sie das Ereignis erlebte. Die Antworten kamen prompt:

In dieser Situation war ich in meiner Ich-Identität? Nein.
Ich war in der Ich-Identität einer meiner Sippenmitglieder? Ja.

An dieser Stelle gehen wir ihre Sippe durch und kommen zu ihrem Großvater, Opa Walther, der mit 28 Jahren in russische Kriegsgefangenschaft geriet und von dort nicht mehr zurückgekehrte.

Ich war in der Identität von Opa Walther? Ja.

Wir gehen weiter zur stressauslösenden aktuellen Situation:

Meinen Chef habe ich in seiner Ich-Identität wahrgenommen? Nein.
Mein Chef war für mich ein Mitglied meiner Familie? Ja.

Ein weiterer Test ergibt, dass es um diese Zeit geht, als Walther in Gefangenschaft war. Da die Amygdala bei ihren Vergleichen mit angstauslösenden Situationen sehr unpräzise arbeitet, reichen schon Bruchteile von Ähnlichkeiten aus, um eine Wiedererkennung mit Personen oder Situationen herzustellen.

Ich bat Nicole also, über diese Zeit zu berichten. Ihre Oma Martha hatte aus Angst um das Leben ihres Mannes der gesamten Familie verboten, dem geliebten Walther Briefe in die Gefangenschaft zu schicken. Und zwar weil sie von Nachbarn gehört hatte, dass es zu gefährlich sei. „Jeder Kontakt könnte sein Todesurteil sein.“ Walthers Vater, Theodor, also der Urgoßvater der Klientin, konnte diese Ansicht nicht teilen und schrieb trotzdem seinem Sohn einen Brief nach Russland. Walther aber verschwand für immer. Der Schuldige für den Tod war innerhalb der Familie schnell ausgemacht. Theodor, zuvor ein respektiertes Mitglied, wurde bis zu seinem Tode von allen Mitgliedern der Familie ausgegrenzt.

Wir haben das Ursprungsereignis gefunden? Ja.
Wir müssen noch etwas wissen? Nein.

Was bedeutet dieser Vorfall? Nicoles Vorfahren glaubten, dass Theodors Brief, ein kommunikativer Akt gewissermaßen, zum Tode eines Familienmitglieds führte. Wichtig zum Verständnis ist, dass es beim Muskeltest nicht um Wahrheitsfindung geht, sondern um die im Gehirn gespeicherte Erinnerung, die für eine Blockade ursächlich ist. Bevor wir mit dem Family-Belief-Coaching beginnen, lösen wir die emotionalen Blockaden des Ursprungsereignisses.

Es wird deutlich, dass Nicoles Blockade durch ein Ereignis ihrer Vorfahren ausgelöst und von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurde. Diese Wiederholungszwänge werden auch durch die systemische Familientheorie Murray Bowens bestätigt. Seine These lautet: Familien neigen dazu, spezifische Muster zu wiederholen und die gleichen Themen über Generationen hinweg immer wieder in Szene zu setzen. Familienspezifische Beziehungs-, Verhaltens- oder Kommunikationsmuster haben dabei einen impliziten Modellcharakter für das Familiengeschehen in der nächsten Generation. Diese Muster werden auch außerhalb der Familie – wie bei Nicole – über unser Unterbewusstsein mit Hilfe von „Statisten“ in Szene gesetzt.

Was aber passiert im Gehirn, wenn neue Verhaltensmuster, wie die Ausgrenzung von Theodor, über lange Zeit in der Familie gelebt werden? Studien belegen, dass die neuronalen Netzwerke im Gehirn durch die ständige Wiederholung reaktiviert und anschließend aktualisiert werden. Die neuen Werte, Normen und Regeln treten dabei nicht als abstrakte Werte ins Bewusstsein der Familienmitglieder. Vielmehr sind diese eingebunden in Handlungen, Gespräche und Verhaltensweisen, die nur bei Konflikten oder Fragen nach dem tieferen Grund bewusst werden. Die Glaubenssysteme, die beim Akt der emotionalen Konditionierung geprägt werden, sind in der mittleren limbischen Ebene des Gehirns in Form von Glaubenssätzen gespeichert. Sie können so oder in leicht modifizierter Form an nachfolgende Generationen übertragen werden.  

Genogramm von Nicole zur Sitzung

Folglich sucht der Coach oder Therapeut mit Hilfe des Genogramms nach Ereignissen, Werten, Regeln und Normen die von einer Generation zur nächsten beibehalten oder modifiziert übernommen werden. Das Grundgerüst eines jeden Genogramms besteht aus der graphischen Darstellung der biologischen und rechtlichen Beziehung der Familienmitglieder über mindestens drei Generationen, erweitert um Aspekte, die für das Thema relevant sind.

Meine Aufgabe als Coach oder Therapeutin besteht darin, zunächst die Werte, Regeln und Normen der Sippe zum übergeordnete Thema zu verstehen und daraus mögliche, einschränkende Glaubenssätze abzuleiten. Belief-Coaching bedarf viel Erfahrung, da es dafür keinen standardisierten „Fahrplan“ gibt und jede Familie ihre ganz eigenen Dynamiken hat. Nicole war ihrem Urgroßvater Theodor in puncto Kommunikation sehr ähnlich. Auch Nicole wollte sich nicht an die strengen Kommunikationsregeln halten und versuchte, die Familie von ihrer Sicht zu überzeugen. Gut gemeinte Ratsschläge, wie „du musst brav sein, dich anpassen, darfst nicht widersprechen, …“, waren immer wieder Grund für Konflikte, die bei Nicole stets ein Gefühl der Ablehnung und Bestrafung hinterließen. Hier ein Ausschnitt von Nicoles unterbewussten Family-Beliefs (unbewusst wirkende Werte, Regeln und Normen der Sippe), die anhand der Ja-Nein-Fragetechnik beantwortet wurden:

Als Mitglied meiner Familie…
… muss ich die Kommunikationsregeln meiner Mutter befolgen? Ja.
… darf ich sagen, was ich will? Nein.
… darf ich eine eigene Meinung haben? Nein.
… darf ich reden mit wem und worüber ich will? Nein.
… werde ich ausgegrenzt und abgelehnt, wenn ich etwas Falsches sage? Ja.
… muss ich mich beim Kommunizieren wie Theodor fühlen? Ja.
… ist Kommunikation (mündlich/schriftlich) lebensgefährlich? Ja.
… wird jemand sterben, wenn ich rede? Ja.

Wir müssen also unsere selbst kreierten Blockaden lösen, uns aber auch vom archaischen Erbe unserer Familie befreien. Es reicht nicht, das Ursprungs-Ereignis unserer Blockaden emotional zu verarbeiten. Die dadurch ausgelöste Lawine von destruktiven Glaubenssätzen, die in Nicole gespeichert sind, muss ebenfalls rückgängig gemacht und durch befreiende und positive Glaubenssätze ausgetauscht werden. Mit Hilfe von EMDR (siehe Kasten) werden die identifizierten, einschränkenden Glaubenssätze gelöscht und durch befreiende Informationen und Emotionen ersetzt.

Befreiung von familiären Zwängen

Wenn wir ernsthaft an unseren Verhaltens-, Beziehungs- und Kommunikationsmustern arbeiten wollen, kommen wir nicht drum herum, die „Büchse der Pandora “ zu öffnen – sprich den Blick in die eigene Familie zu wagen. Für Nicole war dies ein Aha-Erlebnis. Ihr tatsächliches Auftreten im Bereich Kommunikation war nicht im Einklang mit ihren unbewussten Glaubenssätzen und spiegelte gleichzeitig die konfliktgeladene Kommunikationsstruktur ihrer Familie wieder.

Nach drei Sitzungen berichtet Nicole über ihre neue Freiheit reden zu dürfen. „Die Kommunikation mit meinem Chef“, sagt sie, „läuft wesentlich entspannter und damit erfolgreicher ab, als zuvor.“ Der Druck sei weg und sie fühle sich bei Gesprächen sicher, souverän und kompetent. Inzwischen hat Nicole eine völlig neue Selbstwahrnehmung und Sensibilität im Umgang mit Menschen.

Die Stress lösende Wirkung von EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) wurde von Francine Shapiro in die Psychotherapie eingeführt. Dabei wird mit der so genannten „wachen REM-Phasen“ (Rapid Eye Movement) gearbeitet, indem der Coach mit winkenden Bewegungen beim Coachee jene schnellen Augenbewegungen initiiert, die bei uns Menschen sonst nur im Traumschlaf ablaufen. Dadurch werden in rasanter Geschwindigkeit unverarbeitete Stress auslösende Inhalte verarbeitet und neue Informationen und Emotionen in unsere Erlebniswelt eingespeichert und integriert.

Der Artikel ist in seiner ursprünglichen Version im Magazin Versicherungsbetriebswirt und im Magazin Praxis Kommunikation erschienen und für bsdr4you aktualisiert.

Literaturliste / -empfehlung

Monika McGoldrick/Randy Gerson: Genogramme in der Familienberatung; Hans Huber Verlag; Göttingen Auflage 2000

Anne Ancelin Schützenberger: Oh, meine Ahnen! Wie das Leben unserer Vorfahren in uns wiederkehrt; Carl-Auer Verlag, 2007

Rosa Rechtsteiner: Familie im Gepäck, Wie Sie sich aus alten Mustern lösen und zum eigenen Leben finden, Patmos Verlag, 2015

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Christoph Stürmer

Ich habe schon viel über transgenerationale Traumata / Wiederholungszwänge gelesen. Jetzt, mit diesem Fallbeispiel habe ich verstanden, wie es über unser Unterbewusstsein auf unser Verhalten wirkt. Danke!

Monika M. Hoyer

Das freut mich 🙂

Christina

Ein toller Artikel. Ich bin noch als Anfängerin auf diesem Gebiet unterwegs. Ich frage mich, wie das Coaching gelaufen wäre, wenn Nicole nichts von dem Brief und dessen vermeintlichen Folgen gewusst hätte. Wie findet man dann als Coach bzw. Coachee das auslösende Ereignis heraus?
Ich mache privat schon lange Ahnenforschung und ich weiß, dass ich auf viele Fragen wohl nie eine Antwort bekommen werde, weil Vieles in der Familie einfach tot geschwiegen wurde.

Monika M. Hoyer

Liebe Christina, das Wichtigste ist, das Du einen logischen Abfragebaum hast. Wenn Du dann über das Genogramm die Identität erfragst, dann wäre Sie ja auf jeden Fall beim Großvater gelandet. Und selbst dann,wenn Sie überhaupt nichts über Ihren Großvater gewusst hätte, dann hätte der Coach ihre Ängste einfach mit dazu passenden Glaubenssätzen getestet. Es geht ja sowieso NIE um Wahrheitsfundung, sondern um das, was im Gehirn gespeichert ist. Sobald ein blockierender gefunden wurde, kann er dann gelöscht werden. Im Kern musst Du die Ängste Deiner Klientin einfach “spiegeln” und testen, worauf sie mit “stark” testet. Der Muskeltest ist dann DAS… Read more »

Christina

Danke, Monika. Das war sehr gut erklärt und hilfreich. Den Muskeltest werde ich jetzt in mein Repertoire aufnehmen und bestimmt öfter anwenden.Ich hatte zwar schon mal davon gehört, aber mir war nicht klar, wie ich damit arbeiten kann. Eine gute Ergänzung zu den Genogrammen.

Monika M. Hoyer

Bezüglich der Familiengeheimnisse empfehle ich das gleichnamige Buch Familiengeheimnisse: Warum es sich lohnt, ihnen auf die Spur zu kommen (Deutsch) Taschenbuch – 1. Dezember 1999 von John Bradshow.

Monika M. Hoyer

Ach ja, und beim Muskeltest ist es wichtig, zwischen dem Dialog-Test und dem Indikator-Test zu unterscheiden. Im Netz wirst Du vermutlich einiges dazu finden.

Claudia

Super anschaulich beschrieben. Es klingt hier so einfach, wahrscheinlich einfacher als es in der Praxis ist.

Printausgabe erschienen im Magazin Praxis Kommunikation, Heft 03, Juni 2011 im Junfermann Verlag
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